Ronnie O'Sullivan
Der englische Patient
WAZ, 07.05.2008, Thomas Richter
Essen. Ronnie O'Sullivan litt unter Depressionen und akuter Alkohol- und Drogensucht. Doch nun hat der beste Snooker-Spieler auf diesem Planeten seine inneren Dämonen im Griff – und wurde auch deshalb Weltmeister.
Ronnie O'Sullivan
Die inneren Dämonen des Ronnie O'Sullivan, sie sind nie gänzlich verschwunden. Sondern schlummern noch in ihm. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass er diese Unruhestifter im Geiste nunmehr kühl beherrscht. Dass sie ihn eben nicht mehr wie einst in tiefste Depressionen treiben können. Und diese Kontrolle ist es, die den besten Snooker-Spieler auf diesem Planeten endlich in die Lage versetzt, Titel in einer seiner Klasse angemessenen Zahl zu sammeln.
Seit Montag ist Ronnie O'Sullivan Weltmeister.
Wieder Weltmeister, so muss es korrekterweise heißen. Denn zum dritten Mal in seiner Profi-Karriere, die bereits 1992 ihre frühen Anfänge fand, gewann der 32-Jährige im legendären Crucible Theatre zu Sheffield das wichtigste Turnier in der immer populärer werdenden Billard-Disziplin Snooker.
Dreimal globaler Champion also – für die meisten anderen Männer mit Queue wäre dies die Vollendung ihrer Filztuch-Träume. Für O'Sullivan ist diese Ziffer hingegen nur ein Synonym für verpasste Gelegenheiten. Von seinem Potenzial her hätte der 1975 in Birmingham geborene Engländer seine Sportart derart dominieren müssen wie es statt seiner in den 90er Jahren der Schotte Stephen Hendry tat. Der wurde in dieser Dekade siebenmal Weltmeister.
Und eben nicht O'Sullivan.
All seine Unzufriedenheit kommt im Interview zum Vorschein, das der Familienvater einem Redakteur der „Times” gewährte. „Ich bin glücklich über drei WM-Titel, die ich geholt habe”, sagt er. „Auf der anderen Seite fühle ich mich bestohlen, weil das alles ist, was ich gewonnen habe.”
Einspruch! In seiner Statistik weist O'Sullivan nun 19 Erfolge bei den bedeutenden Turnieren der Welt auf. Er ist derjenige, der das schnellste „Maximum Break” in der Snooker-Historie schaffte. In diesem perfekten Spiel benötigte er nur knapp fünf Minuten, um die optimale Ausbeute in einem Frame von 147 Punkten zu sammeln. Andere schaffen dieses Kunststück kein einziges Mal in ihrer Karriere. „Ronnie, the rocket” (die Rakete) – so der Spitzname des Taschen-Spielers – schaffte allein bei seinem jetzigen WM-Triumph weitere zwei.
Mit voller Schubkraft in den Snooker-Himmel.
Genug der Belege für seine Extraklasse? Aber nein! Das Preisgeld, das O'Sullivan inzwischen angehäuft hat, summiert sich auf üppige 5,4 Millionen Pfund. Hinzu kommen beträchtliche Werbegagen. Denn der schlanke Mann, dessen Garderobe ebenso chic wie meistens ganz in Schwarz gehalten ist, polarisiert wie kein zweiter. Für die einen ist er der Publikumsliebling, die anderen verachten ihn als arroganten Schnösel. Viel Feind, viel Ehr', ganz viel Sponsoren.
Luftküsse für die Fans, Küsse für die Kinder
Dank seines WM-Triumphes eroberte Ronnie O'Sullivan auch die Führung in der Snooker-Weltrangliste zurück.
Nachdem der 18:8-Endpsielerfolg über Allister „Ali” Carter feststand, schickte der Engländer zunächst einige Luftküsse in Richtung der begeisterten Fans auf den Tribünen des Crucible Thetares. Seine Partnerin Jo Langley sowie seine Kinder Lily (2) und Ronnie junior (1) waren dann am Tisch die ersten Gratulanten. Sie bekamen dann „richtige” Küsse vom Titelträger auf die Wange.
O'Sullivan ist übrigens ein guter Bekannter von David Beckham. Der Billard- und der Fußball-Star sind in derselben Nachbarschaft aufgewachsen.
Nicht nur Fans, auch Gegner fühlten sich vom Star verulkt. So verweigerte der Kanadier Alain Robidoux im Jahr 1996 nach einem verlorenen Spiel den obligatorischen Handschlag. Der Grund: Robidoux fasste es als Beleidigung auf, dass Rechtshänder O'Sullivan den Queue mit der linken Hand führte – und ihn trotzdem bezwang.
Dass der Engländer als einer der wenigen Ausnahme-Könner beidhändig spielt, hat zwei Gründe. Erstens: An dem Riesen-Billardtisch kann es zu Konstellationen kommen, an denen der weiße Spielball vom Rand aus kaum erreichbar ist. Dann kommen oft Hilfsqueues – so genannte „Krücken” – zum Einsatz. Im Umgang mit diesen ist O'Sullivan aber früher so oft verzweifelt, dass er lieber auf einen Handwechsel vertraut, um doch noch irgendwie an ungünstig liegende Kugeln heranzukommen.
Der zweite Grund ist vielschichtiger: Denn es war die rechte Hand, mit der O'Sullivans Vater Ronnie senior (ein glückloser Betreiber von abgehalfterten Erotik-Shops) Anfang der 90er einen Mann in einer Bar erstach. Dafür sitzt sein „Dad” lebenslang in Haft. Die Verbindung zwischen beiden blieb trotz der Trennung durch Gitterstäbe eine enge.
Doch das war der Moment, als die inneren Dämonen kamen. Sie verführten das junge Ausnahme-Talent O'Sullivan zu Alkohol- und Drogenkonsum, förderten Depressionen zutage. Und weil es dann auch am Billardtisch leistungsmäßig bergab ging, versuchte der „verlorene Sohn” auf Anraten eines Psychotherapeuten, nicht immer mit der rechten „Mord-Hand” des Vaters zu spielen. Es klappte. O'Sullivan überstand den Entzug, setzte die Psychopharmaka ab – und fand zurück zu alter Klasse.
Und die ganze Insel hofft, dass der „englische Patient” nun auf ewig kuriert ist.