Ich stelle den lesenswerten Aufsatz von Helmut Digel in der Welt mal lieber hier rein. Die Radsportfans sind schon genug gebeutelt.
...Betrachten wir den Dopingbetrug und seine relevanten Merkmale etwas genauer, so müssen wir erkennen, dass es keine Opfer gibt, denen man berechtigt jene Merkmale zubilligen könnte, die an den Begriff des Opfers gebunden sind. Der Dopingbetrug im Hochleistungssport konnte vielmehr gerade deshalb eine beispiellose Karriere machen, weil im Grunde genommen alle wussten, was sie tun und weil vor allem alle wussten, dass man mit diesem Betrug jenes Ziel bestens erreichen kann, um das es vorrangig im Sport geht. ...
...Alle haben in der Vergangenheit profitiert, die Athleten, die Trainer, die Betreuer, die Funktionäre, die Politiker, die Journalisten, die Zuschauer, die Wirtschaft und das Fernsehen. Einige Profiteuere werden nun gewiss einwenden, dass sie aber von den Hintergründen dieses Betruges nichts gewusst haben. Und in der Tat hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Dopingbetrug in einer grauen Zone ereignet, in die nur wenige Einblick hatten. Wer wen wie oft gespritzt hat, welche Substanz zu welchem Zeitpunkt in welcher Menge verabreicht wurde; solche und ähnliche Fragen können gewiss einige Profiteure nicht beantworten, und in der Tat ist ihr Wissen über das Phänomen des Dopingbetruges sehr begrenzt. Unwissenheit können sie jedoch für sich nicht in Anspruch nehmen. ...
Die alles entscheidende Frage ist deshalb vermutlich darin zu sehen, welche Rolle wir, die Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft, in Bezug auf den Hochleistungssport in der Zukunft spielen wollen. So wie sich die Bürgerinnen und Bürger in ihrer großen Mehrheit in der Vergangenheit und auch in diesen Tagen in Bezug auf den Dopingbetrug im Hochleistungssport verhalten haben bzw. verhalten, ist eher Pessimismus angebracht. In einer Gesellschaft, in der die Bürger vorrangig als Quote betrachtet werden, das hat die Vergangenheit gezeigt, ist ein manipulierter Sport höchst attraktiv.
Die Quote trägt dazu bei, dass der Profit mit dem manipulierten Sport umfassend ist und alle sich als Gewinner fühlen können. Mit dem Bürger als Quote werden jene ethisch-moralischen Mehrheitsverhältnisse widergespiegelt, wie sie heute unsere Gesellschaft prägen. Erst wenn diese sich ändern, zeichnet sich am Horizont eine Lösung des Betruges ab. Dass dies der Quotenbürger aus sich selbst heraus wohl kaum leisten kann, ist offensichtlich. Nur im Verbund mit jenen, die den Quotenbürger erfunden haben, mit den Medien selbst und mit jenen Funktionären in Politik, Wirtschaft und Sport, die dafür Verantwortung tragen, kann der Weg gefunden werden, der die Lösung im Blick hat.
http://www.welt.de/sport/article915666/Neuanfang_mit_wenig_Hoffnung.html